Zur Geschichte der Thalheimer Kirche

Die alte Thalheimer Kirche, Vorgängerin der heutigen, war ein kleiner, schlichter Bau; im Inneren reichlich 12 Meter lang und etwa 8 Meter breit. Zwei Abbildungen aus der Sächsischen Kirchengalerie ermöglichen es, einen Blick auf das alte Kirchlein zu werfen. Das rund 13 Meter hohe Satteldach trug einen Dachreiter, in dem immerhin 3 Glocken und ein Uhrwerk Platz fanden. Jeweils drei schmale Fenster an den beiden Längsseiten ließen nur wenig Tageslicht ins Innere vordringen. Im ohnehin beengten Innenraum waren Emporen eingebaut. Neben Altar, Predigtstuhl und Orgel mußte auch das Kirchengestühl Platz finden. Diese Stühle oder Stände, die fest zu einzelnen Gütern oder Häuseln im Dorf gehörten, waren zu bestimmten Anlässen gegen eine Gebühr neu zu lösen. Das Gestühl für die Frauen war ebenerdig im Schiff eingebaut; die Männer hatten ihre Plätze auf den Emporen.

Die Kirchendecke war mit vergoldeten "gedrehten Knöpffen" verziert. Alle Wände hatte man umlaufend mit Ornamenten und Bibelsprüchen bemalt. Die Emporen schmückten Gemälde biblischer Geschichten, die jedoch 1840 vom damaligen Pfarrer als "ohne allen künstlerischen Werth" und "höchst grobsinnlich" beschrieben werden.

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Thalheim mit der alten Kirche um 1840

Der gesamte Kirchenbau bestand aus Bruchsteinmauerung. Die Ecken waren "mit Cvater Stücken verfaßet". In einem kleinen Anbau war die Sakristei untergebracht.

Um das Kirchlein herum befand sich der Gottesacker oder Kirchhof. Das Ganze wurde von einer massiven Ringmauer mit Tor umschlossen. Diese war, wie die Kirche selbst, mit Schieferplatten gedeckt. Das schmucklose Kirchlein mit seinen wie Schießscharten anmutenden schmalen Fenstern und die trutzige Kirchhofmauer boten durchaus einen wehrhaften Anblick. Einige uralte Linden spendeten im Sommer Schatten und boten dem Gemäuer Schutz bei Wind und Wetter. Natur und Bauwerk bildeten wie bei vielen alten Dorfkirchen eine Einheit. Die Kirche wirkte wie innerhalb der Landschaft gewachsen.

Gestanden hat die alte Thalheimer Kirche nur wenige Meter westlich des jetzigen Pfarramtes. Heute rollt der Verkehr der Chemnitzer Straße über diese Stelle - ein Platz, der unseren Vorfahren einmal heilig war.

Ein genaues Alter der Thalheimer Kirche ist nicht überliefert. Ohne sich allzuweit aufs Glatteis der Spekulation zu wagen, darf man aber annehmen, daß ihr Bestehen bis ins 13. Jahrhundert zurückreicht. Konkrete Nachrichten aus vorreformatorischer Zeit fehlen. Immerhin wird das Vorhandensein einer Kirche in Thalheim bereits 1346 durch Meißnische Bistumsmatrikel urkundlich belegt. Aber erst mit den ab dem 16. Jahrhundert einsetzenden Primärquellen, wie den Kirchenbüchern, den Kirchenrechnungen, den Visitationsprotokollen und anderen mehr, gelingt es, ein, wenn auch verschwommenes, Bild von den kirchlichen Verhältnissen im Dorfe zu zeichnen.

Von alters her war Gornsdorf als Filialkirche nach Thalheim eingepfarrt. Das heißt, die Gornsdorfer Gemeinde wurde vom Thalheimer Pfarrer mitbetreut. Dieser Umstand spricht dafür, daß die Thalheimer Kirche mit zu den ältesten in der näheren Umgebung gehört.

Zweifellos ist das alte Kirchlein im Verlaufe der Jahrhunderte mehrmals umgebaut bzw. renoviert worden. So hat im Jahre 1567 offenbar eine grundhafte Erneuerung stattgefunden. Für diese wurde durch Kurfürst August die unentgeltliche Überlassung von Bauholz aus den Amtswaldungen bewilligt. Eine weitere umfangreiche Renovierung ist 1670 vorgenommen worden. Kaum ein Jahr verging, in dem nicht an Kirche und Pfarre repariert, gebaut und instandgesetzt werden mußte. Die alten Thalheimer Kirchenrechnungen legen davon Zeugnis ab. Da wurde unter anderem die Kirchhofmauer vorgerichtet, schadhaftes Mauerwerk an der Kirche ausgebessert, die Kirche innen und außen gemalt, das Kirchendach repariert, der Fußboden gepflastert, neues Kirchengestühl eingebaut, das Türmchen erneuert ... Jede einzelne Baumaßnahme kündet von der Verbundenheit unserer Vorfahren mit ihrem Gotteshaus. Ungezählte Generationen haben das alte Kirchlein gepflegt und erhalten; haben hier Heil und Segen durch Predigt und Sakrament erfahren. Das alte Kirchlein ist Spiegelbild einer einfachen Frömmigkeit; die bäuerlich-naive Ausmalung des Innenraumes bringt dies deutlich zum Ausdruck.

Von ihrer ganzen Anlage her gehörte die alte Thalheimer Kirche zu den typischen sächsischen Dorfkirchen. Sie hat Jahrhunderte überdauert, Kriege und Unwetter überstanden. Doch irgendwann konnte sie die stetig wachsende Zahl der Einwohner nicht mehr in ihren engen Mauern fassen. Im Sommer 1849 wurde die Thalheimer Kirche abgetragen. Weder vom Bauwerk selbst, noch von der Inneneinrichtung ist Wesentliches erhalten geblieben.

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 alte Kirche um 1840  Lageplan alte Kirche und Pfarre  Kirchensiegel, 1839

Gleich neben dem Kirchlein stand seit alten Zeiten die Pfarre.

Die Pfarre, das sind die Gebäude des Pfarrgutes. Wie in vielen anderen Orten, ist auch innerhalb der Flur des Dorfes Thalheim aus einer der Hufen das Pfarrgut hervorgegangen. Diese Pfarrhufe erstreckte sich von den Gutsgebäuden unten im Tal bis hinauf an den Stollberger Bürgerwald. Das Pfarrgut war zum größten Teil mit Wald bedeckt - dem noch heute so genannten Pfarrwald.

Bewohnt wurde die Pfarre vom jeweiligen Ortspfarrer und dessen Familie. Bereits ein Kirchenvisitationsbericht aus dem Jahre 1539 vermerkt, daß die Thalheimer Pfarre "gute Behausung" bot.

Das Alter der Pfarrgutsgebäude ist nicht bekannt. Urkundlich zu belegen ist aber, daß die Pfarre im Laufe der Jahrhunderte mehrmals umgebaut und renoviert wurde - von den zahllosen kleineren Reparaturen einmal ganz zu schweigen.

Zur Pfarre gehörten das Wohnhaus, ein Seitengebäude und eine Scheune. Um 1780 ist das Pfarrhaus grundlegend erneuert worden. Schon das alte Wohnhaus war ein stattliches Gebäude gewesen. Nach dem Umbau maß das Pfarrhaus dann etwa 24 Meter in der Länge und 10 Meter in der Breite.

Das Anwesen bildete einen Dreiseitenhof, in dem ein Röhrenwasser plätscherte. In Richtung Schenke zu wurde der Hof von einer Bretterwand mit Tor und Pforte abgeschlossen. Ein zweites Tor mit Pforte befand sich zwischen Wohnhaus und Scheune. Durch dieses gelangte man auf den Fahrweg und hinaus auf die Pfarrfelder. Umgeben wurde die Pfarre von zwei Beetgärten und mehreren Grasgärten, in denen zahlreiche Obstbäume standen.

Die Bewirtschaftung des Pfarrgutes hat entweder der jeweilige Ortsgeistliche selbst, oder aber ein Pfarrgutspächter vorgenommen. Gegenüber anderen Thalheimer Bauerngütern war die landwirtschaftlich nutzbare Fläche des Pfarrgutes gering - sein eigentliches Kapital war der Pfarrwald. Den Großteil ihrer Einkünfte bezogen die Thalheimer Pfarrherren früher ohnehin aus Geld- und Naturalabgaben der eingepfarrten Bevölkerung.

Vor hundert Jahren erlebte die Thalheimer Pfarre das selbe Schicksal wie die alte Kirche. Nicht mehr zeitgemäß, wurde das alte Pfarrhaus 1913 abgebrochen, nachdem 1911 ein neues, großzügiges Pfarramtsgebäude erbaut worden war. Lediglich einige Reste der Außenmauer und das uralte Kellergewölbe der Pfarre haben sich erhalten und künden im heutigen Pfarrgarten noch von längst vergangenen Zeiten.

Ein in den dreißiger Jahren des 19. Jahrhunderts bei Grabungen auf dem Kirchhof aufgefundener kelchförmiger Weihwasserkessel oder Taufstein aus rötlichem Sandstein stammt offenbar noch aus den katholischen Zeiten des alten Kirchleins und darf mit Sicherheit zu den ältesten Kulturzeugnissen Thalheims gezählt werden.

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Weihwasserkessel mit romanischen Stilmerkmalen (links)
Grabplatte, 1654 (rechts)

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Wissenswert ist auch die ungewöhnliche Geschichte jener alten Grabplatte, die sich an der Wand neben dem Turmeingang der Thalheimer Kirche befindet. Es handelt sich dabei um einen Renaissancegrabstein aus Greifensteingranit mit umlaufender Schrift, die sich mit etwas Mühe auch noch entziffern läßt:

"CUM BONO DEO
HIE RUHET IN GOTT JOHANNES ELIAS PRISELS PASTORIS ALLHIER SÖHNLEIN WELCHES GEBOREN ANNO 1650 AM 12. MARTY UND IN CHRISTO SANFT UND SELIG EINGESCHLAFFEN AM 27. JULI 1654 IM BUCH DER WEISHEIT AM 4. CAP. DER GERECHTE, OB ER GLEICH ZU ZEITLICH STIRBET IST ER DOCH IN DER RUHE."

Diese Grabplatte erinnert also an Johannes Prisel, den 1654 verstorbenen erst vier Jahre alten Sohn des Thalheimer Pfarrers Elias Prisel.

Elias Prisel (der Jüngere) war seit 1620 Pfarrer in Thalheim. Schon sein Vater und ebenso sein Großvater hatten dieses Amt inne (vergleiche Anhang). Elias Prisels Schicksal, über das auch jener alte Grabstein Zeugnis ablegt, ist gleichsam ein Spiegelbild der Zeit des Dreißigjährigen Krieges, der auch das sächsische Erzgebirge mit Verwüstung, Angst und Elend überzog. Plünderung, Brandschatzung, Folter und Mord waren an der Tagesordnung. Die Pest raffte die durch Hungersnot entkräfteten Menschen hinweg. Das Leid der Bevölkerung erreichte unvorstellbare Ausmaße.

Im furchtbaren Kriegs- und Seuchenjahr 1633 starb Elias Prisels erste Ehefrau, nur 36 Jahre alt. Wenige Jahre später, als in unserer Gegend der Krieg erneut besonders grausam wütete, wurde der Pfarrer Elias Prisel von Soldaten gefangen und gefoltert. In einem Schreiben der Thalheimer Gerichtspersonen heißt es, daß Prisel "so viel Jahr hero continuirlichen Kriegszeiten außgestandenen grosen Torturen, die ihme beydes von Kayserlichen alß auch Schwedischen damahligen Feindes-Völkern, bevorauß Anno 1639 do ihme die Kayserlichen Croaten, ertappet, gefangen genommen dermaßen gemartert, geängstiget und gequelet, Ja seine Schenckel und beine mit briegeln zugerichtet und zerschlagen, daß es einen Stein in der Erden, zugeschweigen einen Menschen erbarmt haben möchte, zugefügt worden, Er auch seine Leibesgesundheit eingebieset hat".

Und in der Zeit nach Kriegsende mußte Elias Prisel weitere Schicksalsschläge hinnehmen. 1654 starb sein einziger Sohn, der in der zweiten Ehe des Pfarrers geboren worden war. Mit zunehmendem Alter verschlechterte sich der Gesundheitszustand Prisels mehr und mehr. 1658 mußte er zur Unterstützung seinen Patensohn Adam Wagner als Pfarrsubstituten zu sich nehmen. Den traurigen Zeitumständen geschuldet, gestaltete sich jedoch das Verhältnis zwischen dem alten Pfarrerehepaar und dem jungen Substituten wenig erfreulich. Materielle Not, Krankheitselend und enttäuschte Hoffnungen kamen so zusammen. Als pflegebedürftiger Krüppel ist Elias Prisel 1663 im Alter von 72 Jahren gestorben.

Der Grabstein seines Sohnes Johannes wurde um 1900 bei Bauarbeiten in der alten Thalheimer Kirchschule aufgefunden, wo er lange Jahre zweckentfremdet als Treppenstufe gedient hatte. Vorerst brachte man nun die geschichtsträchtige Steinplatte an der alten Friedhofsmauer an. Als diese 1987 wegen Baufälligkeit abgetragen werden mußte, beschloß der Kirchenvorstand, dem Grabstein im Inneren des Kirchturmes einen würdigen Platz einzuräumen.

Das von seiner Ringmauer umschlossene Kirchlein und die Pfarre - sie haben gemeinsam mit dem Schenkengut (Erbgericht) vorzeiten das Zentrum des Dorfes Thalheim gebildet; sowohl in Bezug auf die Lage, als auch auf die kulturelle Bedeutung. Alle drei sind inzwischen aus dem Ortsbild verschwunden, nachdem sie den Erfordernissen sich wandelnder Zeiten nicht mehr genügen konnten. Sie haben Platz gemacht für Neues; unter anderem für die heutige Thalheimer Kirche, deren Weihe sich im Jahre 2000 zum 150. Male jährte.

Eine der herausragenden Leistungen innerhalb der Thalheimer Geschichte stellt der Bau der neuen Kirche dar. Für die stetig zunehmende Bevölkerung war das alte, baufällige Kirchlein seit langem zu klein geworden. Vor allem wegen fehlender finanzieller Mittel verschob sich allerdings der seit 1836 geplante Kirchenbau mehrfach.

Erst am 1. Juli 1849 konnte feierlich der Grund­stein gelegt werden. Nach Plänen des bedeu­tenden Baumeisters Christian Friedrich Uhlig aus Alten­hain wurde die Kirche im klassizisti­schen Stil errichtet. Seine Söhne Gustav Wilhelm, Carl Fer­dinand und Louis Julius übernah­men die Ausfüh­rung des Baues, bei dem rund 70 Zimmerleute, Maurer und Handlanger mit­wirkten. Die Arbeit dieser Handwerker wurde durch Baufuhren und Handdienste aller Thalheimer Einwohner ent­scheidend unterstützt. Besonders sind die Leistungen des Gemein­devorstandes Fürchtegott Leberecht Reuther (1805-1879) als Hauptrech­nungs­führer und des Gemeindeältesten Daniel Friedrich Drechsel (1801-1873) als Bauaufseher zu würdigen.

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Kruzifix, 1850 Originalbauzeichnung Taufstein, 1850

Bereits im September 1849 konnte das Kirchendach aufgesetzt werden und im Mai 1850 das Turm­bauheben erfolgen. Am 19. November 1850 feierte die gesamte Thalheimer Gemeinde das Fest der Kirchweihe. Bis 1854 zogen sich Restarbeiten, wie die Gestaltung des Außengeländes oder der Einbau der Orgel, die 1852 geweiht wurde, hin. Die Gesamtkosten des Kirchenbaues beliefen sich auf 23366 Taler. Die mit Abstand größte Summe zur Finanzie­rung stammt aus dem Pfarrholzvermögen, also aus der Nutzung oder dem Verkauf von Bauholz aus dem Thalheimer Pfarrwald.

Nur mit vereinten Kräften, geführt von tatkräftigen und verantwortungsbewussten Menschen, konnte dieses gewaltige Bauvorhaben, trotz anfänglich unüberwindbar erscheinender Schwierigkeiten in der erstaunlich kurzen Bauzeit von 16 Monaten zur Ausführung gelangen.

Quellen:
Eichler und Schröpel: Die Thalheimer Kirche, Festschrift zum 150 jährigen Jubiläum, 1999
Heimatkundlicher Verein Thalheim e. V.: Thalheim als Strumpfwirkerdorf bis zum Beginn der Industrialisierung, Manuskript 2005