predigt1.Tim. 4, 4-5:

Alles ist gut – nichts zu verwerfen.

Das musste dem Timotheus gesagt werden, denn der war irritiert von Leuten, die meinten: wenn du richtig als Christ lebst, dann darfst du nicht alles essen; und oben­drein darfst du auch nicht heiraten ...

Und die Autorität des Paulus hält dagegen: alles ist gut.

Das, liebe Gemeinde, ist christliche Freiheit. Und am Ern­tedanktag gilt diese Freiheit auch im Blick auf „die Schöp­fung“. Da hören wir das Urteil Gottes im Schöpfungslied ganz am Anfang der Bibel durchklingen: „und siehe, es war sehr gut“. Diesem grundsätzlichen „sehr gut“ treten im Gesetz des Mose Speisevorschriften zur Seite – koschere Küche, die das Judentum bis auf diesen Tag einhält.

Ich denke, es leuchtet ein: konkrete Lebensumstände er­fordern hilfreiche Lebensregeln – auch im Blick auf das, was und wie wir essen. Bezogen auf unsere Gegenwart: wieviel Genveränderung durch Menschenhand ist gesund? Wieviel davon ist versklavendes Geschäft? Wieviel Tier­quälerei ist im Spiel? Wieviel Ungerechtigkeit durchzie­hen Lebensmittelproduktion und -verkauf? Wie viel „stinkt“? Und wenn es schon stinkt, möchte ich es doch nicht essen ...

Nun liegt das Problem nicht in der Nahrung, sondern beim Menschen und seinem Tun. Ob das Fleisch, das Getreide, Obst und Gemüse, Blumen und Getränke „unrein“ sind, liegt beim Umgang des Menschen. Um es „plakativ“ zu sagen: Timotheus bekommt den Hin­weis: trink mal ein Glas Wein – das wird dir gut tun. Na das geht doch gar nicht. Das verführt zu Alkoholis­mus. Und doch darf es so sein, „dass der Wein erfreue des Men­schen Herz“. Wenn es dir schadet, dann verzichte; aber ver­damme nicht Gottes Schöpfung. Denn alles, was Gott ge­schaffen hat, ist gut.  

Zu dem „alles ist gut“ kommt noch: „alles wird gut“. Da­bei geht es um das heiligende Gebet und das heiligende Wort Gottes

Aha, mirakulöse Worte vielleicht sprechen, geheimnisvol­le Formeln? Ein Hokuspokus? Eingeweihte Leute mit tieferer Kenntnis, die über Wohl und Wehe zu entscheiden vermögen? Oh nein. Erntedank belehrt uns eines Bes­seren …

Geheiligt durch das Wort Gottes und Gebet -  das heißt doch: wir setzen die Gabe in Beziehung zum Geber. Und wir erkennen und bekennen uns als dankbare Nutzer

Wenn denn das Wort Gottes ins Spiel kommt beim Essen und Trinken, dann hören wir auf, die alleinigen Macher zu sein und akzeptieren zugleich unsere Verantwortung für den Umgang. Da sollte die Verantwortungslosigkeit auf­hören! Denn das Wort Gottes leitet uns an, die Erde als Schöpfung Gottes zu verstehen und sie zu bebauen und zu pflegen, und die Gaben miteinander zu teilen und beim Verteilen die Bedürftigkeit mit zu sehen. Das lernen wir in der Bibel.

Und Gebet bringt uns in Beziehung zu Gott. Finde ich mein Tun im Angesicht Gottes wahrhaftig und gerecht? Wie kann ich „im Licht Gottes leben“ und vielleicht meine Mitmenschen hin­ters Licht führen, statt in eben dieses Licht hinein? Mit der Autorität des Apostels wird Timo­theus an die hei­ligende, mit Gott in Beziehung setzende Wirkung des Gebets erinnert. 

Also: egal, was du isst: sprich dein Tischgebet und lass es dir schmecken? Ich habe dennoch keinen Appetit auf gifti­ge Pilze … Und da dürfte uns klar sein: wir setzen mit Ge­bet weder die Chemie noch die Physik außer Kraft.

Aber: Wir setzen uns und die Gabe in Beziehung zu Gott. Wir erkennen und bekennen unsere Verantwortung, auch unsere Menschlichkeit mit all ihren Begrenztheiten und ihrer Versuchbarkeit und Sündhaftigkeit. Gebet ist wich­tig, weil es diese Beziehungsfrage klärt. 

Mit welchen Worten oder in welchen Formen ich das tue, ist wohl nachrangig. Wichtig ist, dass ich als Empfänger dankbar bin für eine Gabe, die ich empfange – egal wie groß mein Mitwirken daran ist. Aber eben dieses Einge­ständnis der Abhängigkeit, die im Tischgebet zum Aus­druck kommt, ist wohl manchen Zeitgenossen unange­nehm. Selbst wenn da jemand anderes betet, stört das, weil es etwas so Grundlegendes erinnert: ich bin nicht der Macher, sondern bin Empfänger. Ich lebe von Voraus­setzungen, die einen anderen zum Schöpfer haben als mich. Und kein Geld der Welt kann das bezahlen. 

Es wäre aber an der Zeit und anständig, dafür „dan­ke“ zu sagen. Das wäre an­ständig gegenüber Mit­menschen, durch deren Hände die Gabe zu mir kommt; und das wäre an­ständig gegenüber dem Ursprung, der in Gott selber liegt als dem Schöpfer.

Das heiligende Gebet und Wort Gottes ist also kein „Ho­kuspokus“ oder schön reden, sondern ist die grundlegende Beziehungsklärung und Ausdruck angemessener Dankbar­keit.

Wie schon Timotheus, so hören auch wir beides im Zu­sammenhang: Alles, was Gott geschaffen hat, das ist gut!

Zugleich: empfange es in und mit Dankbarkeit wie in und mit Verantwortung.

In Dankbarkeit verantwortlich handeln könnte vielleicht auch heißen: zu teilen. Teilhabegerechtigkeit. Und dafür ist nie die Mehrheit das bestimmende Kriterium, sondern eher wie beim Wandern: Kommt auch der Letzte noch mit? Oder woran der Weltladen erinnert: Sind die Wirt­schaftsbeziehungen „gerecht“ oder nur zu meinem Vorteil? 

Erntedank und Erinnerung an den Schöpfer, das ist in die­sen Tagen mindestens für manche unter uns konfrontiert mit der Sturmerfahrung und regelrechter „Entwurzelung“ - nicht nur von schönen, großen Bäumen, sondern auch für die Seele.

Und dennoch, Erntedank und Erinnerung an den Schöpfer erinnert den Paradiesgarten für die Menschheit. Gott sei Dank, gibt es die­sen Garten – und wir können leben.   

Und ja, das Paradies ist „verloren“ - wegen der Sünde und die Vertreibung aus dem Paradiesgarten. Aber die Schöpf­ung ist und bleibt gut, ja sehr gut. Und wo und wenn wir empfangen unter dem heiligenden Wort und Gebet, ist al­les gut und wird es paradiesisch. 

Amen.