predigt

Apg.12,1-11 (-17)

Was mich zunächst „verstört“: der eine kommt um, der andere wird gerettet. Was wäre geworden, wenn nicht Jakobus, sondern Petrus ein Jahr nach der Kreuzigung Jesus als Martyrer gestorben wäre. Nun, es kam nicht so. Und ich nehme nicht an, dass die Gemeinde für Jakobus nicht gebetet hat, wie es ausdrücklich im Fall des Petrus erzählt wird.

Neben der Frage: warum lässt Gott das zu, dass die Boten des Evangeliums umgebracht werden wie zur Volksbelus­tigung, stellt sich die Frage: warum dieser und jener nicht. Schön für jenen, aber dieser war doch auch nicht „lebens­müde“.

Gelegentlich stellen wir diese Frage: warum ich? Warum meine Familie? Warum unsere Gemeinde? Und schnell stellen wir die Frage nach Gottes Gerechtig­keit. Entweder jeder ist betroffen oder keiner; entweder ein Schuldiger ist betroffen, aber doch nicht ein Unschul­diger. Das ist doch ungerecht. Aber mir scheint, mit solchem Fragen bleiben wir ohne Antwort, weil das Leben nicht aufgeht mit „Aufrechnen“ oder sich ausrechnen. Aber solches Aufrechnen oder Aus­rechnen steht wohl hinter dieser Gerechtigkeitsfrage. Wir vergleichen und beschweren uns, wenn es in der Rech­nung nicht zu unseren Gunsten geht.

Manchmal scheint es, als nähme Gott Menschen von unse­rer Seite, die gerade sehr hell leuchten und die als beson­ders wirkungsvoll erscheinen. Und das ist so schwer von uns zu akzeptieren, wenn das Leben „so spielt“, so als spiele Gott mit uns, wo es doch um das Leben geht. Dass Gott da gerade mal nicht aufgepasst hätte, passt ge­nau so wenig in meinen Glauben wie, dass es ein Strafge­richt Gottes sei, vielleicht ja für irgend eine verborgene Sünde. Aber den liebenden himmlischen Vater und all­mächtigen Gott, der alles in seiner Hand hält, zu glauben, fordert mein Zutrauen zu Gott angesichts dessen, dass ich das alles gerade nicht verstehe und so nicht gut heißen kann.

Nun, in der biblischen Erzählung kann ich meine Wut auf König Herodes richten, der den Mord an Jakobus zu verantworten hat. Und ich frage dennoch: hätte Gott ihn nicht bewahren können? Aber vielleicht ja hat mein Fragen ganz viel mit mir zu tun. Z.B.: es macht mir Angst. Es könnte mich so treffen, aber ich kann mir nur vorstellen, dass da ein Engel rettend  zu mir kommt, weil ich leben möchte; weil ich erleben und miterleben möchte. Ja, das kann ich mir wünschen, aber dass es auch so kommt, liegt nicht in meiner Hand und es ist mir zugemutet, auch Schweres anzunehmen, ja aus Gottes Hand anzunehmen.

Von der Rettung des Petrus erfahren wir nicht viel – nur dass da ein Engel des HERRN kommt und Petrus befreit. Ein klein wenig überrascht war ich schon, am Ende zu lesen (V.17), dass Petrus ein erneutes Wunder nicht gerade herausfordert, sondern „an einen anderen Ort geht“ - oder salopp gesagt: abhaut. Also er nimmt die wunderbare Rettung nicht als Freibrief für „mir kann nichts passieren“, sondern er hält es wohl doch für ein Wunder. Und Wunder sind nicht „berechenbar“. 

Aber vielleicht sind ja Wunder „machbar“ durch eine Ge­meinde, die unaufhörlich betet? Und es fallen uns doch Beispiele ein, wo Beten, unaufhörliches Beten, beständi­ges Gebet der Gemeinde mit wunderbaren Erfahrungen verbunden ist. Aber es fallen wohl auch Enttäuschungen ein. Wir haben um Heilung und Rettung gebetet, vielleicht auch um die Auferweckung aus dem Tod – eben eine La­zaruserfahrung, von der wir in der Lesung hörten – aber es blieb beim Gestank des Toten. 

Übrigens: mir scheint, die Gemeinde hat in ihrer Angst für Petrus und noch mehr für sich gebetet. Oder wie erklären wir uns, dass sie mit der Befreiung des Petrus garnicht rechnen, ihn nicht erwarten, ihn draußen vor dem Tor stehen lassen? Und als er eintritt, ist Tumult und sie halten ihn für ein Gespenst oder einen Engel … Etwas seltsam ist das schon …

Mir kam beim Nachdenken über den Bibeltext die Frage: was geschieht, wenn wir beten? Wecken wir Gott dann auf? Erwirken wir damit Gottes Aufmerksamkeit für uns, und andere, weniger fleißige Beter, haben das Nachsehen? Oder bewegen wir Gottes Arm, als bedürfe er unseres An­schiebens? Wohl nicht – denn was wäre das für ein Got­t? Was geschieht dann, wenn wir beten? Und der Impuls zum Gebet ist das, was aus der Geschichte bei mir besonders hängen bleibt.

Ich glaube, dass Gott eben Gott ist – und nur ER. Und ich glaube, dass Gott der Inbegriff von Gerechtigkeit ist – aber nicht wie ein „Krämer“, der jedem sein Päckchen Milligrammgenau gleich abwiegt, sondern als Gott, der mich ins Sein rief und mein Leben erhält und es vollendet oder eben in die Ewigkeit heim holt, wie er es will. Dem sollte ich nicht nachhelfen wollen – und andere auch nicht.

In meinem Beten wende ich mich Gott zu. In meiner Ar­beit bin ich Gott nicht abgewandt, eber ich bin da mit der Arbeit beschäftigt. Deswegen braucht es Zeiten und Orte für die „bewußte“ Zuwendung zu Gott. Und wenn etwas geschieht, wie es die Gemeinde mit dem Tod des Jakobus und der Gefangenahme des Petrus widerfährt; wenn das Leben so in Gefahr und ins Wanken gerät, da ist es gut, le­bensfördern und zukunftsweisend, wenn wir beten, unauf­hörlich beten, weil die Gefahr, dass wir Gott den Rücken kehren, so immens groß ist. Liebe Gemeinde, wir brau­chen das Beten, das unaufhörliche Beten, damit wir im Glauben nicht irre werden und von den eben auch bitteren und schmerzhaften Erfahrungen des Lebens nicht von Gott weggerissen werden oder von Gott lassen. Beten ist unser Ringen mit Gott und um Gott – eben wie Jakob einst am Jabbok in der Nacht mit Gott rang, um gesegnet und nicht verworfen zu werden; wie er damit rang um endlich mit seinem Bruder im Frieden zu leben.

Liebe Gemeinde, wir singen dann ein Osterlied. Die Bi­beltexte dieses Sonntags erzählen von Gottes Rettungs­handeln in aussichtsloser Lage – wenn wir sagen: tot ist tot; oder da ist die Falle zugeschnappt – nichts mehr zu machen. Aber unsere Grenzen sind nicht Gottes Grenzen. Vielmehr: das und so ist Gott, dass er aus dem Tod ins Leben ruft; dass er aus totaler Gefangenschaft befreit; dass er Wunder wirkt. 

Aber ich habe es schwer, das und so zu glauben. Gebet – allein und in bzw. mit der Gemeinde hilft mir glauben, mir und allen anderen auch. Darum lasst uns unaufhörlich allein und miteinander beten.

Amen.