predigtIn der ersten Lesung für diesen Sonntag (Eph.3,14-21) hörten wir: Christus möge durch den Glauben in den Her­zen der Christen in Ephesus wohnen, damit diese in der Liebe ein­gewurzelt und gegründet seien. Da würde ja alles Denken, Reden und Tun aus dieser Liebe heraus gesche­hen. Das wäre ja „paradiesisch“. Nicht nur „all you need is love“ – alles, was du brauchst ist Liebe, sondern es wäre „all you get is love“ – alles, was du bekommst, ist Liebe. Wenn das so ist, dann wäre das doch der Himmel auf der Erde.


Die Lesung aus dem Evangelium (Joh. 15,26 – 16,4) prallt regelrecht dage­gen, denn da sieht sich die christliche Ge­meinde der Ver­folgung gegenüber. Sie sehnt sich nach dem Tröster, um solche Zeit zu überstehen. Denn der Hass der Welt bedeu­tet Leid. Ein „Dreinschlagen“ allerdings ist nicht vorgese­hen, sondern der Not der Welt ist nur mit dem Geist Got­tes beizukommen – sei es zu ertragen oder zu überwinden – ohne Gewalt, denn es ist doch Jesu Geist.

Und die alttestamentliche Lesung redet gar von einem Neuanfang. Was bisher war, ist offensichtlich nicht gut ge­gangen. Also von vorn. Das Volk Gottes hat doch und kennt doch das Gesetz des Mose; es weiß um die Lebens­ordnung, die das Leben befördert und schützt und Ge-meinschaft erhält und so Zukunft eröffnet. Es könnte alles gut sein – könnte, aber es ist offenbar nicht. Und Gott ist so was von enttäuscht. Was tun?
Ratlos wie Gott ist Jeremia, der Prophet. Was hat er nicht geredet, gemahnt, ja gelitten, um das Wort Gottes an das Volk Gottes auszurichten. Man hat ihn verspottet, geschla­gen, am Ende nach Ägypten verschleppt, wo sich seine Spur verliert. Seine Worte, ja die sind bewahrt worden und überliefert.
Jeremia redet von „alles auf Null“ und nochmal neu an­fangen. Man fühlt sich an Computer erinnert: wenn nichts mehr geht: ausschalten oder „reset-Taste“. Was bei Com­putern tatsächlich oft funktioniert, geht im wirklichen Le­ben nicht, weil da durch den Fehler, das Fehlverhalten, die böse Tat Leben und Gemeinschaft kaputt gegangen ist und ein Neuanfang sooo einfach dann doch nicht geht – noch dazu so, als sei nichts gewesen.
Um an den Himmelfahrtstag anzuschließen: der Traum vom Leben ist manchmal schnell ausgeträumt oder eben „geplatzt“, zerschellt am Menschen, wie er nun mal ist?

Karl Marx, dessen 200.Geburtstag kürzlich war, sah nicht im Menschen das Problem, sondern in den Umständen, konkret in den Besitzverhältnissen, die Ausbeutung be­günstig. Also: die Besitzverhältnisse ändern von privat – ein einzelner, zu kommunal/kommunis – gemeinsam. Die Erfahrung mit dem DDR-Sozialismus ist freilich nicht all zu rosig und zum Kommunismus ist es schon nicht mehr gekommen. Es war wohl zuerst eine Diktatur – des Prole­tariats und seiner Partei und deren Parteispitze. Und Wandlitz war meines Erachtens gar nicht so pompös, aber verlogen.
Was nun? Die Euphorie unserer „Wende-Erfahrung“ kippte leider sehr bald in neue Kriege und Gewaltexzesse. Die Ratlosigkeit Gottes und die Verzweiflung des Jeremia sind gleichsam unsere. Und wir teilen die Sehnsucht der johanneischen Gemeinde nach dem Tröster als der Kraft von innen heraus statt äußerem Zwang; sehnen uns nach der Liebe – die wir brauchen und die zumindest doch wir leben könnten.

Jeremia bringt es in ein Bild: ein Herz aus Fleisch. Ja ein wissendes und glaubendes Herz. Also keine Gebote von außen auferlegt, vielleicht mit Gewalt umgesetzt und durchgesetzt, sondern das Gesetz „internalisiert“, zum eigenen geworden, eingeprägt und alle Lebensäußerungen prägend. Es ist so sehr in mir und mein eigenes, dass es schon nicht mehr zu unterscheiden ist, sondern mich ausmacht, mich bestimmt, eben meines ist. Wir sagen auch: es ist mir in Fleisch und Blut übergegangen. Das wär´s.
Das wär´s, wenn Enttäuschung aufsteigt über einen Fehler, den der andere schon wieder gemacht hat, obwohl er doch genau weiß oder eben wissen müsste … dass ich den Feh­ler auszubügeln suche und meinen Hinweis nicht von „oben herab“ ansetze und auch nicht die obligatorischen Konsequenzen androhe. Ob das geht? Ich/wir könnten es probieren.
Das wär´s, wenn Worte anderer mich verletzen, dass ich meinen Schmerz benenne und nicht mein Arsenal an Schimpfworten öffne noch den Emotionen freien Lauf las­se, sondern „mich beherrsche“ und nicht verletze. Sicher viel verlangt – aber zu viel? Wir wissen schon, dass dann eine Situation nicht weiter hochkocht, sondern deeskaliert.

Nun, dass Menschen so geboren werden, so als „Friedens­taube“, ist wenig wahrscheinlich. Dass wir es lernen, schon eher. Wie wir eben immer wählen müssen zwischen dem Guten und dem Bösen und das Dilemma haben, dass manchmal gar nicht so klar ist, was gut und was böse ist. Deswegen braucht es den Heiligen Geist – den Geist Jesu. Dieser Geist gewinnt Raum in uns und füllt das Herz, wenn wir ihn einlassen, zu Wort kommen lassen, uns von ihm bestimmen lassen. Nicht als „Fremdbestimmung“ noch unter Zwang. Sondern das geht nur in Freiheit.
Z.B.: Ich will nie Rache üben oder über Vergeltung nach­denken. Oder: Ich will dem Fremden dasselbe Lebensrecht zubilligen wie mir. Ich will Geduld haben mit anderen und mit mir. Ich will gut und böse unterscheiden und Gutes gut und Böses böse nennen, aber auf das Denken, Reden oder Tun bezo­gen bleiben und nicht verallgemeinern oder auf die Person beziehen. Ich will mich zu Liebe entschließen, will meinen Nächsten lieben wie mich selbst, wie ich Gott liebe. Oder fehlt da das „Liebesverhältnis“ - zwischen mir und Gott? Das meint aber der Bund Gottes: Gott geht mit mir eine Liebesbeziehung ein – freiwillig – und auf Au­genhöhe. Die Einladung dazu ist etwa so: komm, setz dich mit an den Tisch, erzähl von dir und höre bei den anderen mit zu; bring deinen Hunger mit und empfange vom Brot des Lebens und den Kelch des Heils. Schmecke und sieh die Freundlichkeit Gottes und teile sie mit anderen. Teile sie mit, teile sie aus, lade an deinen Tisch.
Das klingt so “viel verlangt“, wenn es nicht miteinander gelebt wird. Aber es könnte ja so sein - miteinander gelebt, wie es die Abendmahlsfeier nahe legt.
Ach ja – an die Christen in Ephesus wurde es so geschrie­ben: Christus möge durch den Glauben in ihren Her­zen wohnen, damit sie in der Liebe ein­gewurzelt und gegründet seien.
Und von solcher Mahlfeier her würde doch wohl der Geist Christi, den er für seine Jünger verspricht, gewissermaßen Einzug halten oder eben sich entfalten können.
Und ja, ich glaube, so werden Herzen neu – menschlich – liebevoll.
Amen.