predigtDas ist mal eine Regierungserklärung, würde ich sagen. Statt Wochen zu feilschen – um den Kopf der Kanzlerin? Um aus einer kleinen Partei einen großen Machtanspruch zu machen? Um mit der harten Li­nie im Bund im eigenen Bundesland zu punkten? Um … ich weiß nicht, welche Eigeninteressen zu bedienen?


Ja, es scheint so: unser Land ist politisch gespalten. Die Extreme bekommen Zulauf. Schließlich geht es um sich behaupten: die eigene Partei in der Gunst der Wähler; Deutschland in internationaler Politik; oder um die Er­möglichung des fortschreitenden konjunkturellen Auf­schwungs und steuerlicher Mehreinnahmen – schließlich muss oder soll der Sozialstaat bezahlbar bleiben.
Ja, es scheint so: unser Land ist zunehmend aggressiv. Rüstungsexporte nehmen zu – bringt ja auch Gewinn!
Übergriffe nehmen zu – das sind Zahlen dazu aus dem Material zur Friedensdekade: „Im vergangenen Jahr sind wieder zahlreiche Menschen, die in Deutschland schutz suchen, angegriffen worden. Dabei wurden 560 Menschen verletzt, unter ihnen 43 Kinder. Das Bundesinnenministerium hatte diese Zahlen auf eine Anfrage der Linken im Bundestag hin veröffentlicht. Genauer gesagt gab es 2545 Angriffe auf Flüchtlinge außerhalb ihrer Unterkünfte und 988 Angriffe auf Flüchtlingsheime. Außerdem wurden 217-mal Hilfsorganisationen oder freiwillige Helferinnen und Helfer attackiert. Das sind zehn Angriffe pro Tag, irgendwo in deutschland, vielleicht in meiner Nachbarschaft.“

Vielleicht gibt es ja nun Neuwahlen. Ängste steigen auf – Erinnerung an die 30-er Jahre des letzten Jahrhunderts, als die Weimarer Republik im Wahlstrudel zerfiel und die Na­zis an die Macht kamen und Terror im Land herrschte und Krieg die Welt überzog. Das Leid begegnet noch heute – auch in Kindern und Enkelkindern.
Aber damit das nicht wieder geschieht, muss unsere politi­sche Grundausrichtung klar sein und sollte sich im Wahl­verhalten niederschlagen. Jeremia benennt diese Grund­ausrichtung: Recht schaffen und Gerechtigkeit! Und „Frevlern“ das Handwerk legen. Wer mit dem Feuer spielt, dem muss man das Feuer aus der Hand nehmen. Wer Gewalt in Kauf nimmt, muss den Widerspruch ver­nehmen. Wer unter Gerechtigkeit sein Vorrecht versteht, sollte mal nachdenken. Wer Ausländer pauschal ablehnt, sollte sich nicht nur sehr, sehr schämen, sondern freiwillig auf alles verzichten, was er von, durch, mit anderen für sein Leben nutzt – den Kaffee, oder die Kartoffel aus Ame­rika; nichts von Apple oder IBM, facebook oder an Ge­würzen ...
Und dazu der Hinweis des Propheten: bedrängt nicht! Be­drängt vor allem nicht und nie Fremde, Waisen, Wit­wen – eben die Menschen, denen vielleicht Sprachkennt­nisse und vertraut sein mit der Kultur fehlen; und die ihre Be­zugs- und Vertrauenspersonen verloren haben und schutz­los dastehen; vielleicht für sich selber sorgen müs­sen und schlicht und einfach damit noch oder eben wieder überfor­dert sind – die also Hilfe brauchen. Schwa­che aus­nutzen, auf Niedergeschlagene noch treten, ist eben nur fies.
Und, so der Prophet: tut niemand Gewalt an. Wie zer­stört ist das christliche Menschenbild, ist eine humanisti­sche Grundauffassung, sind die Prinzipien Freiheit-Gleichheit-Brüderlichkeit, wenn eine Gewaltstatistik wie die gegen Schutzsuchende wie im letzten Jahr in Deutsch­land zu verzeichnen ist? Was ist los in den Köpfen und welche Gefühle bestimmen den Ton oder das Tun?
Natürlich – es gibt auch wunderbare Gegenbeispiele, herzliches Engagement, bereicherndes Miteinander, Glück und Zufriedenheit. Wie kann eine muslimische Familie in einem Pfarrhaus leben? Sehr gut – wie in Hormersdorf. Es liegt zunächst daran, ob wir mitmenschlich, respektvoll, liebevoll miteinander umgehen – dass eben Recht und Gerechtigkeit gleich gilt!

Tja – wie sind die Zukunftsaussichten?
Wenn ihr das tut – so Jeremia im Namen Gottes zu König und Regierung – dann werdet ihr leben, sogar gut leben.
Tut ihr es nicht, zerstört ihr euch selbst.
Es ist wohl an der Zeit umzukehren, Buße zu tun, den bes­seren Weg einzuschlagen, Recht und Gerechtigkeit zuerst und vor allem als Schutz für Witwen und Weisen und Fremde gelten zu lassen.
Wir feiern dann und in diesem Gottesdienst miteinander Abendmahl. Wir feiern, dass sich Gott mir in meiner Ver­lorenheit barmherzig, freundlich, einladend zuwendet.
Leider, leider ist der Abendmahlsfeier auch eine Note von Exklusivität zugewachsen; Exkommunikation – vom Tisch verweisen – als Höchststrafe. Die Jesusgeschichten erzählen es anders. Denn da ist und blüht Leben, wo Güte dem Recht noch zuvor kommt; wo Barmherzigkeit der Gerechtigkeit voran geht; wenn Befreiung der Verantwor­tung voraus liegt; wenn Zukunft nicht gegen andere errun­gen werden muss, sondern geschenkt wird.
So ist das doch in der Abendmahlsfeier: Ich, der Sünder, darf kommen und Gott macht mich gerecht; Ich, der Ver­sager, darf kommen, und Gott schenkt mir die Kraft seines Geistes; Ich, der Gescheiterte, darf kommen, und bin bei Gott angenommen; Ich, der mit seinem Egoismus alles verspielt hat, darf Gemeinschaft erfahren und zur Ruhe kommen und Frieden finden und all die anderen am Tisch als Schwestern und Brüder entdecken. Da ist Leben. So ist Leben.
Ja, dafür möchte ich einstehen; auch dafür aufstehen, mich dafür engagieren, als ein solcher erkannt werden, der barmherzig, gütig, liebevoll und darin unmissverständ­lich für Gerechtigkeit und Recht, Freiheit und Würde streitet. Es wäre Hinwendung zu Leben – zu Gott. Amen.